LINK | Die Interviewserie mit inspirierenden Persönlichkeiten... im Gespräch mit den FEI Weltmeister im Parafahren Heinz Lehrter, Deutschland
Heiner Lehrter zählt zu den prägenden Persönlichkeiten des Para-Fahrsports in Deutschland und international.
Über viele Jahre hinweg hat er den Sport aktiv mitgestaltet und sowohl sportlich als auch strukturell weiterentwickelt. Neben seinen sportlichen Erfolgen ist Heiner Lehrter auch für sein langjähriges Engagement im Para-Sport bekannt. Er steht für die kontinuierliche Weiterentwicklung des Para-Fahrsports und aktive Förderung der internationalen Sichtbarkeit des Sports.
Sein Name steht für Beständigkeit, Erfahrung und sportliche Integrität. Im Gespräch mit Hippoevent gibt er persönliche Einblicke in seinen Weg, spricht über die Bedeutung von Teamarbeit – und darüber, warum der Para- Fahrsport weit mehr ist als nur ein Wettbewerb.
Hippoevent: Wie bist Du zum Fahrsport gekommen – und was hat Dich daran fasziniert?
Heiner Lehrter: Als Kind habe ich mit meinen beiden Brüdern beim Reit- und Fahrverein Ibbenbüren das Voltigieren begonnen. Meine Spezialität war der Schulterstand, den ich auf vielen Turnieren zeigen durfte. Danach eiferte ich meinen Brüdern nach und begann das Reiten. Hier bin ich so böse runtergefallen, dass meine Oma gesagt hat: „Das gibt es nicht mehr. Der Heiner bekommt von mir ein Pony und eine Kutsche.“ Die Kutsche war ein Gig und so unerfahren wie ich war, startete ich mit dem Gig und meinem Pony Freddy das erste Fahrturnier. Da war ich 13 Jahre alt. Damals wie heute ist es nicht erlaubt, einen Gig auf Turnieren zu fahren. Die Richterschaft hatte das Ganze ignoriert. Es ist der fünfte Platz von fünf Startern geworden und ich war stolz wie Oskar. Danach gab es sofort einen vierrädrigen Wagen und ich fühlte mich wie die sogenannten gesunden Menschen voll akzeptiert. Somit folgten weitere Turniere und das mit tollen Erfolgen.
Hippoevent: Gab es einen besonderen Moment oder Menschen, der Deinen Weg geprägt hat?
Heiner Lehrter: Aber selbst verständlich. Meine Eltern haben mich auf diesem Weg voll unterstützt, allen voran meine Oma. Danach kam meine liebe Frau Sabine Lehrter, die selbst Turnierreiterin war. Dem Fahrsport zuliebe oder vielleicht auch für mich, wechselte sie zum Fahrsport und das mit großem Erfolg. Bis heute unterstützen wir uns gegenseitig, um unseren Sport zu optimieren. Zudem unterstützen uns seit rund 20 Jahren Vera Neuhaus und Kerstin Reese. Neu dazugekommen sind Meike und Marie Hackmann. Ein besonderes Augenmerk möchte ich unserem Trainer Henryk Dubiky geben, der uns über 30 Jahre mit viel Geduld begleitet.

Hippoevent: Was macht den Para Fahrsport für Dich persönlich so besonders?
Heiner Lehrter: Als Mensch mit Behinderung erfolgreich im Regelsport zu sein, bedeutet immer etwas mehr zu machen als die sogenannten Gesunden. Allein die körperlichen Schwächen zu kompensieren ist immer ein großer Aufwand.
Ein Beispiel aus der Vergangenheit: Das große CAI Turnier im hessischen Landgestüt Dillenburg - ein Highlight für mich.
Dort fuhr ich die einhändigen Hufschlagfiguren mit beiden Händen. Selbstverständlich mit der Genehmigung der Richterschaft. Nun kam von den Fahrerinnen und Fahrern und aus Zuschauerkreisen, dass das doch deutlich leichter wäre, mit beiden Händen zu fahren als mit einer Hand. Ich würde mir da einen Vorteil verschaffen. Sofort überlegte ich mir, wie ich meine Behinderung kompensieren kann und hatte schließlich einen Weg gefunden. Zwar bis heute mit erheblichem körperlichem Aufwand, aber wie pflegte mein Vater immer zu sagen: „Es gibt nichts, was der Heiner nicht kann".
Bis heute setze ich diese Technik ein und das mit Erfolg. Dieses Problem gibt es im Para-Fahrsport grundsätzlich nicht, da der Sportgesundheitspass genau vorgibt, was zur Kompensierung der Behinderung benötigt wird. Daneben helfen sich die Parafahrerinnen und Parafahrer untereinander mit Ideen aus, um den Fahrsport überhaupt möglich zu machen. Das ist eine kleine, aber feine Gemeinschaft, in der sich jede und jeder, gerade auch Neulinge, wohlfühlen können und immer Hilfe bekommen. Das alles gab es früher noch nicht. Da musste ich selbst sehen, wie ich zurechtkomme.
Hippoevent: Was war bisher Dein größter sportlicher oder emotionalster Moment?
Heiner Lehrter: Da kann ich ihnen einiges nennen. Wie im oben genannten Beispiel, habe ich dann in Dillenburg die einhändigen Hufschlagfiguren gefahren. Ich gewann nicht nur die Dressur, sondern auch den Respekt der Menschen. Ein Gefühl, das ich mir selbst erarbeitet habe.
Sportlich bin ich mehrfacher Mannschaftweltmeister und zweifacher Einzelweltmeister im Grade 1. Zudem mehrfacher Deutscher Meister. All das ermöglicht uns der Para-Fahrsport.
Erfolg ist Teamarbeit
Hippoevent: Wer steht hinter Dir – wer gehört zu Deinem Team?
Heiner Lehrter: Dazu gehören meine Frau Sabine Lehrter, Vera Neuhaus, Kerstin Reese, Meike Hackmann, Marie Hackmann und natürlich unser Trainer Henryk Dubiky.
Hippoevent: Welche Rolle spielt Dein Umfeld für Deinen sportlichen Erfolg?
Heiner Lehrter: Ohne die oben genannten Personen wäre mein Fahrsport nicht möglich. Mein Team hält mir in allen Belangen den Rücken frei. Ich brauche nur noch zu fahren. Jeder kennt seine Aufgaben und weiß, was ich für kompensatorische Hilfsmittel benötige, und richtet diese her.
Training, Fokus und Wettkampf
Hippoevent: Wie sieht ein typischer Trainingstag bei Dir aus?
Heiner Lehrter: Ich habe das Glück eine eigene Fahrsportanlage in Mettingen Schlickelde zu haben. Somit habe ich die Möglichkeit, meine Ponys sechs Mal die Woche zu trainieren. Sie werden in der Halle geritten, von mir longiert und gefahren. Mal mit oder ohne Trainer.
Hippoevent: Wie bereitest Du Dich gezielt auf Turniere vor?
Heiner Lehrter: Der Fokus liegt bei uns in der Dressur. Nur ein durchlässiges Pony kann in allen Disziplinen glänzen. Somit gehen wir im Sinne der Ausbildungsskala gezielt vor. Auf dem Dressurplatz arbeiten wir an diesen Punkten.
Hippoevent: Welche Disziplin liegt Dir besonders – und warum?
Heiner Lehrter: Selbstverständlich die Dressur. Wenn das Pony anfängt schwungvoll mitzuarbeiten, ist es immer schön, die Fortschritte zu sehen, die man sich erarbeitet hat.
Herausforderungen als Chance
Hippoevent: Was motiviert Dich, immer weiterzumachen?
Heiner Lehrter: Nach gut 50 Jahren aktiven Turniersport hat mich unser Verband gefragt, ob ich nicht als Richter im Fahrsport mitarbeiten möchte. Unserem Verband war es damals wichtig, Richter auszubilden, die aktiv aus dem Fahrsport kommen, um ihre Erfahrungen miteinbringen zu können. Diesen Weg bin ich gegangen und mittlerweile auch aktiv als Fahrrichter bis zur Klasse M tätig. Das macht mir richtig Spaß, genieße es aber auch, noch als aktiver Fahrer den Fahrsport genießen zu dürfen. Das ist für mich ein großer zeitlicher Aufwand, der mich aber geistig und vor allem körperlich fit hält. Daneben fühle ich mich unter den kameradschaftlichen Sportlerinnen und Sportlern einfach wohl.
Mehr als Sport
Hippoevent: Was möchtest Du Menschen über den Para Fahrsport sagen?
Heiner Lehrter: Der Para-Fahrsport ist eine hervorragende Möglichkeit, mit den Pferden zusammenzuarbeiten. Die eigentliche Behinderung fällt dabei völlig in den Hintergrund. Auf den Turnieren hat man viel Spaß und lernt zudem nette Menschen kennen.
Hippoevent: Welche Vorurteile würdest Du gerne abbauen?
Heiner Lehrter: Wir leben in einer Lifestyle- und Ich-Gesellschaft. Hier passen Menschen mit Behinderung nicht ins System. Somit wird unser Sport hier und da auch schon mal belächelt und unsere Leistungen für minderwertig gehalten. Ich würde mir mehr Respekt und Anerkennung wünschen. Denn für uns ist dieser Sport ein erheblicher körperlicher Mehraufwand als für die sogenannten gesunden Menschen.
Hippoevent: Warum verdient der Para-Fahrsport mehr Aufmerksamkeit?
Heiner Lehrter: Folgendes Erlebnis ist uns da passiert: Deutsche Meisterschaft der Para-Fahrerinnen und Para-Fahrer. Alle waren höchst motiviert. Die Dressur war morgens um 8 Uhr. Kein Zuschauer. Das Gelände begann den anderen Morgen um 7:30 Uhr bei Nebel. Es waren ebenfalls keine Zuschauer vor Ort. Ich konnte nicht mal sehen, wo die Einfahrten zum Hindernis waren. Das Kegelfahren startete an einem anderen Tag morgens um 9 Uhr. Zu dieser Zeit waren wieder recht wenig Zuschauer zugegen. Aber zur Ehrung der Deutschen Meister, die um 17 Uhr begann, füllte sich das Gelände mit Zuschauern und natürlich den Sponsoren. Was möchte ich damit sagen? Zu diesem Veranstalter fahren wir nie wieder hin. Wir möchten gesehen werden, um anderen Menschen mit und ohne Behinderung zu zeigen, was alles mit unserem Partner Pferd und natürlich mit unserem Team möglich ist. Das funktioniert nicht, wenn die Prüfungen zu einer Zeit stattfinden, zu der einfach noch keine Zuschauer auf dem Turnierplatz sind.
Hippoevent: Welche Entwicklung wünschst Du Dir für den Para Fahrsport?
Heiner Lehrter: Wenn das Internationale Projekt Hippoevent Para Spotlight wirklich Früchte tragen würde, hätten wir eine Bühne, die vielleicht andere Menschen mit Behinderung dazu motiviert, aktiv in diesen Sport einzusteigen. Ich finde auch, dass das im Allgemeinen ein Zugewinn für unseren Fahrsport ist, denn hier wird Inklusion aktiv gelebt.

Deine Botschaft
Hippoevent: Welchen Rat gibst Du jungen Fahrern oder Einsteigern?
Heiner Lehrter: Als ich mit dem Fahrsport begann, musste ich alles selbst und alleine erarbeiten. Ich musste mir überlegen, mit welchen kompensatorischen Hilfsmitteln ich arbeiten kann und möchte. Welche Möglichkeiten gibt es und welche entsprechenden Genehmigungen muss ich mir bei den Richterinnen und Richter sowie bei der FN einholen, um diese Hilfsmittel nutzen zu dürfen. Das alles ist nicht mehr notwendig, denn heute können sich die Menschen in Deutschland an die ‚IG Fahren für Menschen mit Behinderung e.V.‘ wenden, die ich damals mitgegründet habe. Übrigens hat dieser Verein in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen. Die jungen Einsteigerinnen und Einsteiger oder Interessierte sprechen einfach aktive Fahrerinnen und Fahrer oder den Vorstand unserer IG an und erhalten dann alle Informationen zum Para-Fahrsport. Fragen, zum Beispiel zu den möglichen kompensatorischen Hilfsmitteln, zum Sportgesundheitspass oder zur internationalen Einteilung in den sogenannten Grades werden auf jeden Fall beantwortet. Hier gibt es umfassende Hilfestellungen für unseren Parasport. Einfach klasse! Man ist nicht allein.
Vielen Dank für das Interview & Deine Zeit, Heiner!
Ein Sport, der Vertrauen, Präzision und echte Partnerschaft verlangt – und ein Athlet, der genau das verkörpert: Heiner Lehrter steht für Erfahrung, Leidenschaft und die Kraft, Herausforderungen in Stärke zu verwandeln.
Heiners Geschichte zeigt eindrucksvoll, worum es im Para Fahrsport wirklich geht: Entwicklung, Vertrauen und das gemeinsame Wachsen.
Initiative Hippoevent Para Spotlight | Jacqueline Zimmermann























